„Geistliche“Phänomene – Pubertätserscheinungen!?

Eine Stellungnahme

Im Jahre 1994 unterschrieben pfingstliche und pietistische Leiter die Kasseler Versöhnungs-Erklärung. Seit 1909 hatte es durch eine antipfingstliche  Leiter-Koalition  die umkämpfte Berliner Erklärung (BE) gegeben. Beim dadurch ausgelösten, „Jahrhundert-Bruder-Konflikt“ ging es primär um die scheinbar „von unten“ stammenden „geistlichen Phänomene“ wie Zungenrede, Umfallen, Lachen „im Geist“, sowie leider auch spektakuläre Symptome.
Beim Zustandekommen der Kasseler Versöhnungs-Erklärung wirkte eine Versöhnungs-Initiative BE (BE = Berliner Erklärung) mit über 100 Verkündigern beider Seiten impulsgebend mit. Als Schriftleiter dieser Initiative habe ich damals zu dieser – nur scheinbaren – Konfliktursache im Namen aller mitbeteiligten Verkündiger klärend Stellung bezogen.
Laut der engagierten Berichterstattung im Blogbeitrag von  Jonas Erne kommen die gleichen Syptombewertungen durch säkulare Filmberichte heute wieder diskreditierend ins Spiel. Darum möchte ich meine/unsere klärende Stellungnahme hier ungekürzt an Euch weitergeben:

Biblische Grundsätze bei übernatürlichen Phänomenen

(1 Kor 13,1.11; 14,20.23.32.40)

Wir glauben, dass die übernatürlichen Erscheinungen sowohl um die Jahrhundertwende als auch heute eher zweitrangig sind. Unser theologischer Schwerpunkt liegt nicht bei der Gabenfrage (1 Kor 12-14), sondern bei der Heiligungsfrage (Rö 6-8). Darum konzentrieren wir uns vorrangig auf die Buße, die zu geistgewirkter Heiligung führt. Als Frucht davon erwarten wir Aussöhnung, brüderliche Liebe und neue Dynamik im missionarischen Dienst.
Auf die oft gestellte Frage, wie wir die “Geistlichen Phänomene“  einordnen, seien sieben biblische Merkmale genannt, nach denen wir die jeweilige Situation differenziert zu prüfen und zu bewerten versuchen.

1. Erkennungsmerkmale bei Buß-Phänomenen

Sowohl in der Bibel als auch in der Kirchengeschichte werden übernatürliche Phänomene, wie Hinfallen (Apg 9,4) oder Zittern (Apg 16,29) eindeutig bezeugt. Diese stehen durchweg im Zusammenhang mit göttlichem Wirken. Bei Paulus und dem Kerkermeister zu Philippi sind sie eine Reaktion auf Gottes direktes Eingreifen. In John Wesleys Erweckungsberichten wird deutlich, dass solche Erscheinungen a) auf Grund vollmächtiger Bußpredigt und b) als Symptome für beginnende Sinnesänderung (Buße) auftreten können. Unübersehbar ist die Tatsache, dass die davon Betroffenen zumeist Menschen waren, die bislang „tot in Sünden und Übertretungen“ (Eph 2,1) fern von Gott lebten. Ihr Zittern, Hinfallen oder Aufschreien zeigte, wie sehr sie in der Gegenwart Gottes über ihren verlorenen Zustand erschraken.
Den Erweckungsberichten zufolge traten die übernatürlichen Phänomene nicht prinzipiell auf, wurden jedoch prinzipiell als Buß-Phänomene erlebt und gewertet. Sie wirkten sich nicht „erfrischend“, sondern zutiefst erschütternd aus. Man fühlte gleichsam die Qualen der Hölle und schrie nach Errettung. Es versteht sich von selbst, dass solche Buß-Phänomene weder gewollt noch gesucht worden sind. Sie lassen sich vielmehr mit „Geburtswehen“ vergleichen.

 2. Unterscheidungsmerkmale bei „Erbauungs“-Phänomenen

Es fällt auf, dass die Phänomene des sogenannten Torontosegens u. a. durchweg anders erlebt und bewertet werden. Den Zeugnissen zufolge dürfte es eine weitere Art übernatürlicher Erscheinungen geben. Statt von Bußphänomenen müsste hier eher von Erbauungs- oder Erfrischungsphänomenen die Rede sein. Damit stünden wir vor der Frage, ob Gottes Geist gleichartige Phänomene unter ungleichen Bedingungen mit unterschiedlichen Ergebnissen wirkt. Wenn ja, musste im Einzelfall geklärt werden, um welche Art bzw. welchen Typ von Phänomenen es sich dabei handelt.
Die Bußphänomene werden eindeutig durch geistgewirkte Bußpredigt als Zeichen tiefgreifender Buße ausgelöst und bestimmt. Bei den Erscheinungen etwa des „Torontosegens“ läßt sich größtenteils eine andere Ausgangsbasis feststellen. Übereinstimmend für beide Arten wäre die Annahme, dass es „körperliche Reaktionen auf das Wirken des Geistes und Wortes Gottes“ sind. Abweichend vom Wirkungsprinzip der Bußphänomene zeigen sich in der Praxis des „Torontosegens“ folgende Punkte:

  1. a) Die Phänomene wie Hinfallen, Schreien, Lachen oder Zittern werden überwiegend von wiedergeborenen Christen erlebt. Daran wird klar, dass es keine Bekehrungsphänomene bzw. „Geburtswehen“ sein können.
  2. b) Die begleitende Predigt richtet sich großenteils nicht an Unbekehrte, sondern an Gläubige, die den Herrn neu erleben und im Glauben gestärkt werden wollen.
  3. c) Die erlebten Phänomene treten nicht überraschend auf, sondern werden von Versammlungsleitern und -besuchern überwiegend gesucht und erbeten.

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen Bekehrungs- und Erbauungsphänomenen zu beachten. Beide wären laut 1. Korinther 12-14 prinzipiell legitim. Da die Bußphänomene in Ursache und Wirkung eindeutig sind, wollen wir uns im Weiteren mit den z.Z. aktuellen Phänomenen des „Torontosegens“ befassen.

3. Die Wirkungsmerkmale bei übernatürlichen Phänomenen

Bekannterweise wird im Neuen Testament über körperliche Reaktionen oder Phänomene hauptsächlich im Zusammenhang mit der Bekehrung berichtet. So stellt sich die Frage, welcher Ursache oder welchem Wirkungsprinzip wir die Erbauungsphänomene bei Christen zuordnen müssen. Es bietet sich an, diese mit dem Zungenreden in Verbindung zu bringen. Dieses wurde in der Urgemeinde einerseits als Merkmal erfahrener Wiedergeburt bzw. Geistestaufe (Apg 10,46), aber auch als erbauend für Bekehrte erfahren (1 Kor 14,4). Da die „Torontophänomene“ zumeist im letzteren Sinne praktiziert werden, könnte man sie – allerdings mit Vorbehalt – den Gaben des Heiligen Geistes zuordnen (1 Kor 12,1). In der Kategorie der Geistesgaben müssten bei den Phänomenen jedoch – soweit sie offiziell im Gemeindeleben auftreten – folgende Kriterien oder Wirkungsprinzipien gewährleistet sein:
Sie müssten zum Nutzen und zur Erbauung aller Versammelten dienen (1 Kor 12,7; 14,5).

  • Die Gabenempfänger dürften sich dem Geist nicht unkontrolliert überlassen, sondern das Geschehen bewusst lenken können, da „die Geister der Propheten diesen untertan sind“ (1 Kor 14,32).
  • Sie dürften das Prinzip des Anstandes und der Ordnung nicht ungehindert verletzen (1 Kor 23.33).

Nach dem neutestamentlichen Menschenbild ist davon auszugehen, dass jeder Mensch – auch der Unbekehrte – jederzeit die bewusste Kontrolle darüber behalten soll, was in ihm und mit ihm geschieht. Eine „Vergewaltigung“ oder Fremdsteuerung des Ich bzw. der Persönlichkeit versuchen nur die Geister des Bösen (Apg 19,15.16). Wie Gott keinem Christen eine Geistesgabe aufoktroyiert, so werden auch nur diejenigen, die sich den „Torontophänomen“ bewusst öffnen, solche erleben.

4. Bewertungsmerkmale für übernatürliche Phänomene

Paulus klärt die Gemeinde in Korinth darüber auf, dass die Christen für den richtigen Umgang mit Geistesgaben selbst verantwortlich sind. Es war vorgekommen, dass Gemeindeglieder das übernatürliche Phänomen der Sprachenrede überbewerteten und nicht zum Nutzen, sondern zum Anstoß anderer missbrauchten. Daher gibt ihnen der Apostel eine Bewertungshilfe für den Umgang mit geistlichen Gaben. Paulus erinnert an das zunehmende Urteilsvermögen eines Heranwachsenden. Bei einem Kind ist „kindliches Denken“ bzw. Bewerten normal und legitim (1 Kor 13,11). Damit entschuldigt Paulus quasi, dass sie das übernatürliche Phänomen des Zungenredens zunächst überschätzten und die Prinzipien des rechten Gebrauchs übersahen. Er ermahnt sie jedoch, nicht beim kindlichen Bewerten und Verhalten stehenzubleiben. Sie sollten aus Fehlern lernen und „im Verständnis“ (z.B. des Stellenwertes der Phänomene) erwachsen werden (1 Kor 14,20). Es wurde also höchste Zeit, die übernatürlichen Phänomene

  • nicht als besondere geistliche Qualität,
  • nicht als Bestätigung ihrer richtigen Gottesbeziehung und
  • nicht als Vorzug gegenüber anderen Christen zu missbrauchen. Falls sie es weiterhin täten, würde er diese kindliche oder kindische Handhabung äußerer Symptome als babyhaftes Verhalten oder bestenfalls als Pubertäts-Erscheinung ansehen müssen.

Sofern wir die „Torontophänomene“ als Gabe des Geistes betrachten, wäre das paulinische Bewertungs- und Umgangsprinzip ebenfalls darauf anzuwenden. Entwicklungsgeschichtlich angewandt ließen sich die turbulenten Kasseler Ereignisse (um 1909) in der jungen Pfingstbewegung mit frühkindlichem Verhalten, ähnliche Ungereimtheiten bei den „Torontophänomenen“ mit der pubertären Phase junger Menschen vergleichen.

5. Umgangsmerkmale mit phänomenorientierten Christen

In der Schule des Apostels Paulus lernen wir sowohl den Umgang mit übernatürlichen Phänomenen als auch mit Phänomene praktizierenden Christen. Sein Vergleich mit dem wachstumsbedingten Verständnis bei Heranwachsenden kann uns im Umgang mit Gemeinden und Bewegungen helfen, die übernatürliche Erscheinungen (über)schätzen.

In der Kirchengeschichte fällt uns auf, dass diese Symptome zumeist im Anfangsstadium, also bei relativ jungen Gemeinden, wie in Korinth, oder in Bewegungen, wie dem jungen Methodismus, vorhanden sind. Das ist zuallererst ein Zeichen für neues geistliches Leben. Vom Gemeindegründer Paulus wäre zunächst zu lernen, welches Verhalten gegenüber den phänomenorientierten Christen, Gemeinden oder Bewegungen nicht hilfreich ist:

  • Paulus be- und verurteilt diese Erscheinungen nicht pauschal als „dämonisch, seelisch oder hysterisch“. Er erkennt grundsätzlich an, dass sie im Gemeindeleben präsent und nützlich sein können.
  • Paulus distanziert sich solcher Phänomene wegen nicht von der jungen Christengemeinde und postuliert nicht, sie sei hoffnungslos einem Schwarmgeist verfallen. Vom familiären Vergleich her würde diese Haltung bedeuten, dass Eltern oder Geschwister ein Baby wegen seines Schreiens und gelegentlichen Gestanks empört sich selbst überlassen.
  • Paulus warnt auch nicht solche Gemeinden, bei denen solche Phänomene nicht vorkommen, etwa davor, mit der schwarmgeistigen Bewegung Kontakte zu pflegen. Das würde bedeuten, sie nicht mehr als Geschwister anzuerkennen. Solches Verhalten ließe – milde ausgedrückt – genauso auf jugendliche Unreife schließen.

 6. Seelsorgemerkmale beim Umgang mit phänomenorientierten Christen

Paulus geht auf die phänomenorientierten Korinther seelsorgerlich beratend ein. Das zeugt von geistlicher Reife und wohlwollendem Verständnis gegenüber gefährdeten Christen. Er handelt wie ein liebender Vater nach erzieherischen, wachstumsorientierten Grundsätzen:Der Apostel sieht zuerst die positiven Faktoren im Gemeindeleben und erkennt diese an (1 Kor 1,4-7).

  • Er redet darüber, was für ein geistliches Wachstum wesentlich ist (Kap.13), zeigt aber auch auf, wo die Fehlbewertungen liegen (Kap.14).
  • Er kritisiert nicht nur, sondern zeigt praktisch auf, wie Christen mit geistlichen Gaben und Phänomenen umgehen sollen (Kap.14).
  • Paulus warnt vor den Folgen des Gabenmissbrauchs (Kap.14,23) und ermutigt zum regen Gebrauch aller geistlichen Kräfte und Gaben (Kap.14,26.39).

 7. Erwartungsmerkmale beim Umgang mit phänomenorientierten Christen

„Junge“ Christen, Gemeinden und Bewegungen sind in der Regel unbeschwert, flexibel und erneuerungswillig. Das ändert sich – wie die Geschichte bestätigt – nach jahrzehnte- oder jahrhundertelanger Tradition. Kindheit und Jugend sind eben die Lebensphasen, in denen der Mensch lernt und geprägt wird. Darum wissen Eltern und Ausbilder, dass der Jugend die Zukunft gehört. Das zu hoffen und zu erwarten ist auch geistlich gesehen wichtig und richtig.
Nach dem Grundprinzip zukunftsoffener Erziehung orientiert sich auch Paulus. Er sieht bei seinen korinthischen „Kindern“ u.a. auch die „charismatischen“ Schwächen. Sie äußern sich in ihrem unreifen Drang nach sichtbaren, hörbaren, fühlbaren Geistessymptomen. Sie stützen sich noch zu wenig auf Gottes Zusagen im geschriebenen Wort. Es fällt ihnen noch schwer, nichts zu sehen oder zu fühlen und dennoch zu glauben (Joh 20,29).
Kinder im Glauben benötigen diese Phänomene scheinbar noch, um sich in ihrem jungen Glaubensleben vor Gott und vor Menschen bestätigt zu wissen. Im Pubertätsalter erleben Eltern mancherlei Überraschungen. Dabei passieren gelegentlich kindische, kuriose oder manchmal auch „skandalöse“ Dinge. Besonders im Gefühlsbereich sind ihre Teenies noch recht unausgegoren.
Aber „reife“ Eltern sehen nicht nur die Pannen. Sie wissen, das gehört in diesem Alter einfach dazu. Sie meckern nicht ständig, sondern ermahnen, trösten, ermutigen und bauen die Persönlichkeit der Jugendlichen hoffnungsfroh auf. Sie blicken nach vorne und wissen, dass ihre „Sorgenkinder“ das, „was kindisch ist“, ablegen (1 Kor 13,11), die kritischen Phasen durchstehen, ja dass sie aus ihnen reifer, gefestigter, urteilsfähiger hervorgehen werden.

Größeres als Phänomene und Gaben

Im Rahmen dieser heiklen Thematik betont der Apostel Paulus, dass es Erstrebenswerteres gibt als besondere Erlebnisse und glänzende Gaben: das Vorhandensein der göttlichen Liebe (1 Kor 13). Damit unterstreicht er die anfangs erwähnte Äußerung, dass die Frage der übernatürlichen Phänomene nicht die Hauptsache ist. Liebe, die sich im Alltagsleben bewährt, ist eine Frucht des Heiligen Geistes. Daher ist sie das wichtigste Merkmal und Kriterium darüber, ob wir geisterfüllt, den Menschen nützlich und Gott angenehm sind. Damit wären wir beim eigentlichen Thema der Initiative BE. Es lautet: Heiligung durch den Christus in uns und Lebenserneuerung durch den Heiligen Geist. Daraus erwächst echte Einheit im Geist und missionarische Initiative.

Wie die geschichtlichen Dokumente bestätigen, ist die befreiende Heiligungsbotschaft infolge der Berliner Erklärung als perfektionistisch verdächtigt worden. Das biblische Zeugnis, nach dem Christen „der Sünde gegenüber gestorben“ sind und als mit-Christus-Auferweckte für Gott leben dürfen (Röm 6,18), wurde verdrängt und ist nahezu verlorengegangen. Dadurch entstand ein Verlust für das Volk Gottes, der sich schädlicher auswirkte als die unguten Nebenerscheinungen damals und jetzt. Um diesen Schaden zu heilen, ist es nötig, Buße zu tun und die Ära der Berliner Erklärung offiziell zu beenden.

Erlöstes Christsein, Eins sein in Jesu Liebe und missionarischem Dienst will Gott seinem Volke neu schenken.

Shalom

 

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